„Der Besuch der alten Dame“ von Friedrich Dürrenmatt am Schlosspark Theater Berlin, Regie Alfred Kirchner

 

 

 

 

Güllen ist überall

 

Am Berliner Schloßpark Theater war „Der Besuch der alten Dame" angekündigt, jener weltberühmten Milliardärin Claire Zachanassian des Schweizer Dramatikers Friedrich Dürrenmatt (1921-1990), die ihren Heimatort Güllen aufkauft, die Bürger verarmt und ihnen dann eine Milliarde dafür bietet, daß sie ihren treulosen Geliebten von einst, den inzwischen angesehenen Bürger Alfred Ill, töten.

Ich fuhr skeptisch nach Steglitz. Waren aus diesem genialen, aber alten Theaterstück über die Käuflichkeit des Menschen noch aktuelle Funken zu schlagen? So gut wie alle Welt weiß: Die Güllener verehren den Krämer Ill und wollen ihn zu ihrem Bürgermeister wählen, aber das Geld, die Aussicht auf Wohlstand, verführt und korrumpiert sie. In Erwartung der Millionen machen sie Schulden. Und der Mord ist nur noch eine Frage der Zeit.

Die zutiefst realistische groteske Geschichte schockierte 1956 zur Züricher Uraufführung und brachte den 35jährigen Dichter in die Schlagzeilen des Feuilletons. Doch heute? Regisseur Alfred Kirchner setzte auf die ästhetische Kraft der Parabel. Sein Bühnenbildner Marcel Keller baute ihm einen Guckkasten: Scheune, Kramladen, Versammlungsraum, Güllen je nachdem. Es ist aber auch die Welt, die Schweiz oder eher Deutschland, es ist jedenfalls überall dort, wo das Geld regiert, und zwar immer mit Argumenten. Hier mit denen der Witwe, die stur und gnadenlos Rache übt.

Das Opfer, den Krämer Alfred Ill, besetzte Kirchner mit Ekkehard Schall vom Berliner Ensemble. Dieser gestisch genaue, jede überflüssige Gestikulation meidende, im Ausdruck sparsame, aber kraftvolle Schauspieler machte die Figur wesentlich. Schalls Ill stemmt sich mit festem, immer schwerfälligerem Schritt gegen das Schicksal. Als er zu begreifen beginnt, wie die Dinge laufen, daß die Bürger schon mit seinem Tod spekulieren, wird seine Haltung steifer, reckt er den Kopf hoch, als sei der Hals schon in der Schlinge. Dieser Ill fügt sich, ohne zu verfallen. Er sieht ein, er hätte damals die Vaterschaft nicht bestreiten und Zeugen nicht bestechen sollen. Aber er bringt sich nicht selbst um. Er erspart seinen Mördern nicht die Tat. Er stirbt aufrecht.

Was darüber hinaus an Kirchners Inszenierung überzeugt, ist ihre spielerische Knappheit und Dynamik in epischer Spielweise. Die zunächst schleichende und dann unverhohlene Korruption der Güllener, bis hin zu Ills Frau (Margot Ebert), wird objektiv, mit sachlicher Poesie, gleichsam als unausweichliches Naturereignis vorgeführt.

Das aufgetakelte Wrack Claire Zachanassian ist bei Anneliese Römer eine rhetorisch kalte Zynikerin, die sich ob ihrer Milliarden „Gerechtigkeit leisten kann". Den Bürgermeister gibt Benno Ifland als einen umgänglichen Opportunisten, den Lehrer Friedhelm Ptok als erbärmlichen Umfaller, den Butler der Claire Thomas Schendel als willfähriges Subjekt.

Assoziationen zu ostdeutschen Zeitläufen im Zeichen der gnadenlosen, umkehrenden Macht des Geldes sind gewiß zufällig. Aber der Realismus eines guten Stückes ist immer pluralistisch. Und die Regie hat behutsam, gar nicht aufdringlich, ihre Akzente gesetzt. Die alte Parabel hat auf einmal eine geradezu gespenstisch aktuelle Dimension.

Die Zuschauer in Steglitz applaudierten angeregt.

 

 

Neues Deutschland, 23. Oktober 1992